Terror? – aus gegebenem Anlass

München, 22.07.2016 – von einem Moment auf den anderen, völliges Chaos. Fangen wir noch mal von vorne an. Am Hbf., das übliche Treiben.  Eine Durchsage. Was wird nun kommen, ist die U2 wieder mal im Tunnel stecken geblieben? Irgendeine Weiche ist wieder kaputt, nächster Zug fährt 2018? Nein. Keines von dem: ‚‚Der U-Bahnverkehr ist ausgesetzt. Anweisung der Münchner Polizei‘‘ Seltsam. Leute schauen verwirrt, irritiert, keiner kann das Gesagte wirklich richtig einordnen. Die ersten ergeben sich bereits ihrem Schicksal und wollen ein anderes Verkehrsmittel nehmen, andere bleiben noch und hoffen, dass das bald aufgehoben wird. Geisterzüge brettern vorbei. Zeit zu gehen.

Hochgegangen, mit einem Ohr der immer selben Durchsage zugehört. Moment, hat der gerade gesagt, dass nun auch Busse und Trambahnen nicht mehr fahren? Muss ein Irrtum sein, inwiefern könnte das zusammenhängen? Verwandte aus Italien schreiben. Warum? Die schreiben doch sonst nie. Ob ich sicher sei? Keine Ahnung, ich weiß ja nicht mal, was los ist. Unterwegs zum Stachus, etwas konsternierte Leute begleiten mich, andere laufen zurück- Auf halben Weg rennen uns paar aufgebrachte Frauen entgegen, der Rest betrachtet sie wohl eher befremdet als panisch und beunruhigt. Allerdings – zum Stachus kommt man nicht mehr. Polizist weist höflich (einige), weniger höflich (andere) daraufhin, dass dort gerade eine Operation am Laufen ist. ‚‚Aber kann man da echt nicht mehr hin? ‘‘ ‚‚Wenn’st aa nua oamai zuhören dadst, zefix! Hier geht nix, hast mi? ‘‘

Sehr ungewöhnlich, ich habe noch nie zuvor schwarze Polizei-BMWs mit Polizisten darin gesehen. Ach, Moment, die tragen ja Maschinengewehre. Dann ist ja schlecht. Die ersten Hubschrauber kommen. Langsam werden die Leute doch etwas nervös, die meisten telefonieren, jemand kauft sich aber erst mal ein Eis. Den Bettlern ist das alles egal. Nichts destotrotz, wenn ein Fußgänger auf dem Fahrradweg steht, wird erst mal gegrantelt. Was jetzt? Hbf. ? Ne, das wird nichts mehr, der soll evakuiert werden angeblich. Was ist hier überhaupt los? Schulterzucken. Leute bewegen sich gemächlich die Schwanthalerstraße entlang. Shishabesitzer verteilt Süßigkeiten an Kinder, nett.  Ein bisschen weiter, eine Menschentraube. Ein Fernseher? Ja, ein Fernseher. Schießerei am OEZ. Angeblich auch am Stachus, am Odeonsplatz, am Isartor.

Seltsam, am Stachus war doch nichts? Oder etwa doch? Egal, weiterlaufen. Inzwischen einige Leute verstört, andere wirken nicht besonders beeinträchtigt. Jetzt an der Donnersbergerbrücke, alles wie leer gefegt. Durchsage, dass man die Brücke meiden soll, hat wenig Effekt. Die Leute, die unterwegs sind, stört das gar nicht. So, kurze Pause. Nachdenken. Was ist überhaupt los? Erste Leute schreiben schon. ‚‚Wo bist du? ‘‘ ‚‚Marcello, lebt du nicht ‘‘ Rechtschreibung kann wohl lebensbedrohlich sein. Wird aber schnell korrigiert zu: ‚‚Marcello, lebst du noch? ‘‘ Ja, ich schon. Aber anderer Gedanke: Zwei Freunde von mir arbeiten regelmäßig dort, direkt neben dem Kaufhof. Das könnte ernst sein. Nein, die waren heute nicht da. Puh, das war knapp. Werde auf Englisch angesprochen, ob ich englisch könne. Ja, net perfekt, aber basst scho‘.  Wie kann ich helfen? Ja, sie waren in einem Hostel am Hauptbahnhof, das wurde geräumt, welche Verkehrsmittel könne man von hier denn nehmen? Zum jetzigen Zeitpunkt leider keine. Naja, ihren Humor haben sie nicht verloren: Also, alles in allem können sie sich ja nicht beklagen. Der Verkehr hier in München ist an 2 von 3 Tagen gefahren, dass sei immerhin 100% mehr als es bei ihnen zu Hause  üblicherweise der Fall wäre. Schon sind sie wieder weg.

So, man holt mich ab. Auf dem Heimweg alles ziemlich leer, nur Fußgänger unterwegs. Schauen wir mal, was man weiß. Letzten Endes wird klar, es waren vermutlich nicht ‚‚drei Täter mit Langwaffen an verschiedenen Orten‘‘, sondern ein 18-jähriger Deutsch-Iraner mit einer Glock 17 (einer illegalen, die Seriennummer ist raugekerbt). Zehn Leute sind tot- einschließlich des Täters, der sich selbst umbrachte. Vielleicht hatte er zuvor versucht, gezielt Leute über Facebook anzulocken. Insgesamt wurden 27 Leute verletzt, die meisten jedoch aufgrund verschiedener Panikreaktionen an verschiedenen Orte, vier davon durch Kugeln (drei davon schwer). Das ist erst einmal furchtbar, aber trotzdem nicht die maximal schlimmste Möglichkeit eines Amoklaufes neben einem vollen Einkaufszentrum Freitag abends. Helfen tut das natürlich keinem. Allerdings fände ich eine detaillierte Erklärung von Herrn Andrä nett, ob und wie Vorratsdatenspeicherung diese Tat verhindert hätte. Mal sehen. Die Tote waren alle Münchner, alle bis auf eine Jugendliche zwischen 14-20 Jahren jung. Drei waren zudem kosovarische Staatsbürger.

Der Amokläufer/Attentäter  hatte Literatur über Amokläufe zuhause und stammte aus Maxvorstadt, nicht gerade als sozialer Brennpunkt bekannt, eher durch seine braune Vergangenheit (- AH wohnte 1913/14 dort,  „Braunes Haus“, Parteizentrale der NSDAP befand sich dort, genauso der  „Führerbau“ [inzwischen Musikhochschule], ‚‚Ehrentempel‘‘, Gestapo-Zentral im Wittelsberger Palais [jetzt Bayern LB, der Platz ist wohl verflucht]) und heute durch seine Gestaltung als Akademiker- und Studentenviertel (d.h. hauptsächlich 20-30 jährige Bewohner, viele Einpersonenhaushalte, stärkste Parteien die Grünen,  viele Leute nur zum Arbeiten und Studieren im Stadtviertel. Der Attentäter war von Winnenden inspiriert, von Breivik auch (Attentat vor 5 Jahren), ob er Breiviks Gesinnung teilt, kann aber noch nicht gesagt werden. Er soll: ‚‚Ich bin Deutscher! ‘‘ gerufen haben, aber man kann das trotzdem noch nicht sicher konstatieren. Vermutlich aber war das eher nicht das treibende Motiv, siehe auch Angaben zu Opfer. Der Täter soll depressiv gewesen sein.

Heute fahren die Öffentlichen wieder, nur nicht zur Haltestelle OEZ. Events im Olympiapark wie der Sommernachtstraum wurden abgesagt. Ansonsten entspannt sich die Lage wieder.  Die Polizei hat großartige Arbeit geleistet und sich auch von panischen Leuten nicht aus der Ruhe bringen lassen.  Aber eine Wunde bleibt natürlich bei uns allen zurück.

Social-Media

Wie das immer so ist, war in den social media wie Twitter mal wieder die Hölle los. Manche trauern, zeigen Anteilnahme, andere heucheln diese, wiederum  andere freuen sich, offen oder heimlich, dass man mal am Freitagabend sich nicht die x-te Wiederholung von irgendeiner Serie anschauen muss, sondern sich schön in Rage reden und in einer Mischung aus Angst, Faszination, Ekel, Überlegenheit und Sendungsbewusstsein aus sicherer Entfernung sich echauffieren kann, über ‚‚irrationale Münchner‘‘ (wegen der Fehlalarme), unfähige Polizisten, widersprüchliche Angaben, Verschwörungstheorien usw.

Neben den üblichen Nazikommentaren: Die gehören doch alle vergast, diese Flüchtlinge! , dem typischen ‚‚Diskussionen‘‘ bei Identitären und natürlich auch  radikalen Linken (‚‚das war bestimmt so ‚Strategie der Spannung‘ – USA ist wieder schuld‘‘) gibt es auch viele hilfreiche Ideen wie die Open doors. Allerdings zeigt sich hier mal wieder das Problem der digitalisierten Welt. Die Leute, die wie ich unterwegs waren und mit ihren mobilen Endgeräten, um überhaupt Netz zu bekommen, geschweige denn Mobile Daten, hat das nicht immer geholfen. Nun ja, aber guter Ansatz. Und dann die Mitleidsbekundungen: #miasanminga (Anm. Würde kein Münchner jemals sagen, ungefähr so passend wie ein #altoadigesempre im Vinschgau) Tja. Zum Glück gibt es ja noch den ‚‚Fernsehexperten aus Husum‘‘, der uns rät, den Stachus UND den Karlsplatz zu meiden (für nicht Münchner: Das ist derselbe Platz, offizieller Name Karlsplatz, genannt Stachus) und sich lieber zum Scheideplatz zu begeben (Scheidplatz). RT-Korrespondenten referieren darüber, dass sowas in Russland ja nicht möglich wäre (pathologische Amnesie?) und bei der SPD-NRW bekommt man gar nicht mit, was überhaupt los ist.

Wenn das nicht München ist, was ist es dann? Einfach:  humorvolle ausländische Touristen, mutige Reporter, mitfühlende Shishabarbesitzer.  Filmende Schüler (lebensmüde und/oder sensationsgeil, keine Ahnung), die der Grund dafür sind, dass mein kleiner Bruder die Aufnahmen des Amoklaufs vor der Polizei hatte. Das Bonzentum- ein Klassenkamerad meines Bruders, der sich vom OEZ durch seinen Sicherheitsdienst abholen lässt (auch das). Solidarität und Gelassenheit (es kimmt, wie‘s kimmt), zurückhalten mit Spekulationen (nix gwiss woaß ma ned), aber auch aus Ignoranz. Toleranz gegenüber allen, außer gegen Preiß‘n oder Bauern, die heute noch bayrisch reden. Aber hauptsächlich: Leute, die besorgt sind, traurig, was sonst. Und ein Amoklauf, das auch.

Erstaunlich zu sehen, wie das memento mori zuschlägt, wenn der Tod auf offener Straße mal zuschlägt. Dort, wo man oft einkaufen ist, im McDonalds in dem man gesessen hat. Dort, wo gute Freunde arbeiten und der beste wohnt. Mit der sicheren Gewissheit, dass man das auch selber sein könnte, oder sie.

Wahrscheinlich war das kein böser Bazi, nicht so, wie das Leben in Neapel täglich abläuft, sondern einfach ein Irrer. Aber nichtsdestotrotz, wie lange wird diese Wirkung anhalten? – Kurz. Das ist das eigentlich Traurige.

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